Liebe Leserinnen, liebe Leser,
wie gehen wir als reine Kulturzeitschrift mit einer Katastrophe wie in Japan um? Können wir einfach so weiter machen? Mit einer Zeitschrift, die sich mit dem vergleichsweise kleinen mitteldeutschen Kulturkreis beschäftigt? Kann man nach Fukushima den Fokus weiter auf das Luxusgut Kultur richten? Man kann nicht nur, man muss. Denn Kultur ist Lebensmittel, Überlebensmittel und Heilmittel zugleich. Sie hilft zu verarbeiten, trösten, sich ergötzen oder auftanken - und vor allem: Utopien zu entwickeln. So wollen wir nun auch in diesem Heft dieses Lebensmittel kredenzen und in verschiedenen Facetten darstellen. Wir buddeln uns diesmal von ganz unten Stück für Stück nach oben.
Denn: in der künstlerischen Erkundung „Schutzraum“ des Vereins Kunsträume aus Leipzig geht’s unter die Erde. Anlass war die Wiederentdeckung des „Richard Wagner Bunkers“ im Zentrum der Stadt. Bunker trifft hier auf Kafka, Virilio und audiovisuelle Kunst Entstanden ist ein spannendes multigenre-Projekt
Wir bleiben in Leipzig und schauen zum Theater. Hier kommt viel Bewegendes auf die Bühne. Zum einen ist die Tanzoper „Maria XXX“ der Leipziger Choreografin Heike Hennig nun endlich in ihrer Heimatstadt zu sehen. Auch sie ist eine Prophetin, die im eigenen Land noch nicht so viel gilt, wie ihr zustehen würde. Beweglich sein sollten auch die Teilnehmer der Massenchoreografie „TURN“, die am 2. Juni im Leipziger Zentralstadion aufgeführt wird. Massenchoregrafie, Zentralstadion, Leipzig? Das erinnert doch sofort an die Turn- und Sportfeste der DDR in den 80iger Jahren. Soll es auch, schließlich geht es hier darum, sich mit dem Verhältnis von Individuum und Masse auseinander zu setzen. – und zwar im Selbstversuch.
Musikalisch wartet Mitteldeutschland in den kommenden Wochen mit mehreren Festivals unterschiedlicher Couleur auf: Die Dresdner Musikfestspiele machen Mitte Mai den Anfang, kurz darauf feiert die PopUp-Messe in Leipzig ihren zwanzigsten Geburtstag. Genauso wie das Wave Gotik Treffen. Über all das berichten wir in diesem Heft.
L’art pour l’art, also Kunst um der Kunst willen – so hieß einst das große Credo französischer Künstler. Dass Kunst aber durchaus auch einem Zwecke dienlich sein kann, zeigen Themen aus unseren Lebenskultur- und Filmredaktionen. „White box“ heißt ein bewegender Dokumentarfilm von Susanne Schulz. Sie zeigt Hartz IV-Empfänger, denen ein Zimmer ihrer Wohnung verschlossen wurde, weil die Wohnung sonst laut Hartz IV-Gesetzen zu groß wären. „La loi pour la loi“ möchte man da rufen, also das Gesetz um des Gesetzes willen, vorbei an den Menschen. In Erfurt hat ein lange überfällliger Ort der Erinnerung eröffnet. „Stets gern für Sie beschäftigt, …“ hieß es in den alten Geschäftsbriefen der Firma Topf & Söhne. Sie waren die Ofenbauer von Auschwitz. Genau 66 Jahre nach der Befreiung des KZ wurde auf dem ehemaligen Fabrikgelände von Topf & Söhne der Erinnerungsort eröffnet.
Darüber hinaus finden sie wie gewohnt viele weitere Themen, Rezensionen und Informationen rund um Kultur und Kunst in Mitteldeutschland in dieser Kunststoffausgabe.
Viel Spaß beim Lesen wünscht
Jonas Plöttner