Liebe Leserin, lieber Leser,
der Winter, der keiner war, geht und der Frühling, der hoffentlich einer wird, kommt. Und mit ihm ein neues Kunststoff-Magazin voller spannender Portraits, Geschichten, Interviews.
Die Aufarbeitung der jüngsten deutschen Geschichte hat vor allem im Osten stattgefunden – und findet hier immer noch statt. Das Thema DDR ist wieder (oder noch) spürbar virulent. Der wichtigste Austragungsort für diese Form der Auseinandersetzung ist die Literatur. Auch in den Literaturteil des neuen Kunststoff-Magazins fließt sie von vielen Seiten ein: Sascha Lange, der Sohn des Leipziger Kabarettisten Bernd Lutz Lange, erinnert sich an seine Jugend mit „Messeonkel“ und getauschten Bravopostern. Aus seinem Roman „DJ Westradio“ drucken wir exklusiv zwei Kapitel vorab.
Es ist eine kleine Sensation: 40 Jahre nach dem Verbot durch die SED erscheint jetzt einer der wichtigsten Romane der jungen DDR, „Rummelplatz“ von Werner Bräunig, der in packender, dichter Sprache von den Verhältnissen in der Wismut AG nach dem Krieg erzählt, ein Roman, den in den 60er Jahren kein Verlag drucken wollte. Heute wird hingegen wieder viel gedruckt im mitteldeutschen Raum. Es gibt eine Reihe von jungen, motivierten Verlegern, die die Fahne der Literaturstandorte Leipzig und Dresden hochhalten. Vielleicht ist der nächste Reclam oder Brockhaus unter ihnen – wer weiß. Wir stellen Büchermacher aus der Region und ihren Traum hinter der Verlagsgründung vor.
Im Theaterteil steht ein Jubiläum im Zentrum: 50 Jahre Schauspielhaus Leipzig. Ein halbes Jahrhundert, das mit Schiller begann und mit Schiller endet. Das opulente Drama „Wallenstein“ führt den Theatergast von der Leipziger Baumwollspinnerei zum Völkerschlachtdenkmal und ins frisch renovierte Schauspielhaus – dramatische Fülle, während in Thüringen die Kürzungspläne für Unruhe sorgen. Stefan Reisner war für Kunststoff unterwegs und protokollierte die Proteste der Thüringer. Oliver Kröning sprach mit dem Intendanten des Deutschen Nationaltheaters Weimar über die bevorstehenden Sparpläne.
Was haben eine alte Tapetenfabrik in Leipzig, ein Wandbild im Chemnitzer Rathaus und Gipsabgüsse im Lindenau-Museum in Altenburg gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel, auf den zweiten sind sie Teil einer pulsierenden Kunstszene, die sich sowohl weiterentwickelt, zurückblickt als auch aus dem Raster fällt. In der Tapetenfabrik entsteht ein neues Kunstzentrum mit Ateliers und Galerien. Eine zweite Spinnerei? In jedem Fall ein Blick nach vorn, während in Chemnitz und Leipzig zurückgeschaut wird: Max Klinger, der in diesem Jahr 150 Jahre geworden wäre, wird in großen Ausstellungen geehrt. Unser Titelbild stammt vom Wahl-Berliner Markus Draper der von den Gebr. Lehmann in Dresden vertreten wird und mit seinem bildnerischen Werk und seinen Installationen den Horror des Sublimen erzeugt.
Wir freuen uns mit Ihnen auf zunehmende Literaturerwärmung, wie es der Journalist Michael Hametner angesichts des bevorstehenden Frühjahrs nennt, und selbstverständlich auch über Theater- und Kunsterwärmung. Diese ist schließlich auch nicht gefährlich, sondern willkommen.
Haben Sie eine schöne Zeit.
Ihr Jonas Plöttner