Rezension der Leipziger Internetzeitung über den Debütroman von Kathrin Wildenberger "Montagsnächte"

Von Ralf Julke, 11. November 2007


"Kann man über das, was da im Herbst 1989 in Leipzig geschah, Romane schreiben? Keine "Wende"-Romane, keine Zeit-Zeugnisse, sondern Bücher, die den Tag überleben und auch noch gelesen werden können, wenn die Bundesrepublik mit Einheitsdenkmalen zugeschüttet ist? - Erich Loest hat es mit "Nikolaikirche" schon einmal versucht. Hat seine ganze Erfahrung mit der Vorgeschichte der Friedlichen Revolution einfließen lassen. Nun hat eine junge Autorin ihr Buch zum Thema vorgelegt. Ein Gänsehaut-Buch."Montagsnächte" hat Kathrin Wildenberger ihren Erstling genannt. Vermeidet den plakativen Bezug auf die Montagsdemonstrationen, auch wenn die eine wichtige Rolle spielen in Anias Liebesgeschichte. Als 16jährige verliebt die sich irgendwo in der Provinz des Bezirkes Halle in den Außenseiter der Dorfjugend Bernd. Klingt fast wie "Romeo und Julia auf dem Dorfe". Aber die Kulisse kann natürlich nicht immer Berlin oder Paris heißen. Der Untergang der DDR war auch der Untergang einer Provinz. Einer schäbigen, grau gewordenen Provinz. Irgendwo hinter Sangerhausen, der Geburtststadt der Autorin, genauso grau wie Halle, wo sie ihre Heldin zur medizinischen Ausbildung gehen lässt, oder Leipzig.

Es ist nicht der Sarkasmus der Immer-schon-Helden-Gewesenen, der das Buch lebendig macht. Es ist auch nicht der Spott über die ohnmächtig Mächtigen. Es ist der genaue, einfühlsame Blick einer Autorin, die erzählt, als hätte sie alles selbst erlebt. Was durchaus möglich ist. Die Farben stimmen, die Stimmungen, die Worte. Es ist, als gehe man mit Ania noch einmal auf Zeitreise in ihre Jugend, in die Zeit ihrer ersten Liebe, der Ostseeferien und Disko-Besuche. Der ersten Begegnungen mit den schmallippigen Akteuren in Dorf und Schule. Als alles noch klar erschien. Und längst nicht mehr klar war.

So wenig klar wie der Lada, der mit zwei schweigenden Beobachtern mitten im Dorf parkt. Bevor Bernd verschwindet aus Anias Leben und die Geschichte immer häufiger hinüberblendet in den rußigen Herbst 1989, als längst alle Züge in Fahrt sind, in Ungarn die Grenzen schon geöffnet sind und in Leipzig die Friedensgebete zur Keimzelle anschwellender Proteste werden. Auch wenn noch gar nichts glorios ist in diesen Tagen und gar nichts sicher. Nur die Angst. Die berechtigt ist.

Kathrin Wildenberger hat sich noch einmal vergewissert in den Archiven, dass ja jedes Datum stimmt, jeder Vorgang. Das ja. Aber die Stimmung, das Licht, die Gerüche, die findet man in den Archiven nicht. Die kann man sich nicht beglaubigen lassen. Die gibt es nicht auf Kassette. Doch erst sie bringen die Atmosphäre, in der sich diese traurig-schöne Liebesgeschichte entspinnt, in der zwei sich wiederbegegnen mitten in den Leipziger Ereignissen. Und wieder nichts klar und einfach ist. Nur die Sprache, mit der Ania ihr Leben erzählt mitten in dem großen Verwandeln, nach dem nichts mehr so ist wie zuvor. In dem Freundschaften zu zerbrechen drohen und Vertrauen das Misstrauen einschließt, in dem Gut-Gemeintes sich als Trügerisch entpuppt und Mütter auf einmal die Initiative ergreifen. Als alles möglich schien und vieles tatsächlich geschah. Wie die Öffnung der Genzen und die erste Begegnung mit dem fremden Land dahinter. Als nicht nur Ania merkt, wie grau die DDR eigentlich gewesen ist.

Natürlich fiebert man mit ihr und versteht ihre Qualen. So ist das wohl mit der Liebe, die keine Rücksichten nimmt und sich die Akteure aussucht ohne auf all die dusseligen Prinzen-Attribute der bestsellernden Frauenromane zu achten. So erzählt eine nur, wenn sie mit Haut und Haar und Sommersprossen in ihrer Heldin steckt, alles mitgelitten hat und am Ende zumindest weiß: Hinterm Happyend geht's weiter. In einer anderen Zeit und in anderen Unsicherheiten.

Natürlich gibt's ein Happyend. Kein bombastisches. Das hat Kathrin Wildenberger nicht nötig nach so eine Achterbahnfahrt der Gefühle. So ein Buch schreibt eine mit Herz und Mut. Aber nun wird's spannend. Denn solche Lebens-Bücher sind starker Tobak für den Beginn. Das legt die Latte hoch. Was kommt danach? Kann die Autorin, die als medizinisch-technische Assistentin in der Leukämieforschung arbeitet, so, wie es sich ihre Ania vorgenommen hat, da anknüpfen? Traut sie sich das? - Muss sie sich das überhaupt trauen? - Denn mit "Montagsnächte" hat sie sich schon mehr getraut als viele, viele andere, die den Herbst 1989 glorifiziert haben oder die Zeit davor. Als wenn es darum ginge. Als wenn es nicht um das kleine, menschliche Leben, um ein bisschen Mut, Ehrlichkeit und Lebensfreude ginge. Und die tägliche Hoffnung, dass es ab und zu mal gut geht. Selten, ganz selten wird so ein Buch daraus."