Rezension in DIE ZEIT über den Roman von Susanne Schädlich "Nirgendwoher, irgendwohin"

von Hans Christoph Buch, 10. Januar 2008, die Zeit Nr. 3

 

Wie ein Irrtum an den Bäumen

 

Susanne Schädlichs Romandebüt erzählt vom Weltschmerz in Kalifornien und überzeugt durch subtile Erzählkunst


Berthold Brecht hat Hollywood als Markt der Lügen bezeichnet und damit nicht bloß die Filmindustrie gemeint, sondern das, was Theodor W. Adorno als Verblendungszusammenhang bezeichnet hat. In einem Gedicht aus dem kalifornischen Exil geht Brecht noch weiter und erklärt Los Angeles zur Hölle auf Erden, mit Blumen, "groß wie Bäumen", und Obstmärkten mit Haufen von Früchten, die "weder riechen noch schmecken. Und endlose Züge von Autos, in denen / Rosige Leute, von nirgendher kommend, nirgendhin fahren."

 

Ein Menschenalter später, nach dem Ende des Kalten Krieges, klingt das so: "Der Himmel ist blau. Orangen hängen zu dieser Jahreszeit wie ein Irrtum in den Bäumen ... Ich bin hier. Das ist das Geheimnis. Es gibt kein Ankommen, das hieße, ich käme irgendwoher. Ich gehe nirgendwohin, das hieße, ich hätte Anspruch, ich wollte irgendwohin."

 

Die Anspielung auf Brecht findet sich nicht zufällig im Titel von Susanne Schädlichs erstem Buch Nirgendwoher, irgendwohin, das in Los Angeles spielt, wo die Tochter des 1977 aus der DDR ausgebürgerten Autors Hans Joachim Schädlich von 1988 bis1999 gelebt und gearbeitet hat. Der Text trägt keine Gattungsbezeichnung und ist weder Erzählung noch Roman, eher der von Stummheit chiffrierte Monolog einer jungen Frau, die dem Echo ihrer eigenen Stimme lauscht. Es ist seltsam und erklärungsbedürftig, warum diese Art von Melancholie die Protagonistin gerade in Kalifornien befällt, einer virtuellen und doch höchst realen Wüste, die, nach einem Wort von Jean Baudrillard, dem Kino entsprungen zu sein scheint (und nicht umgekehrt), eine Welt, an der man, frei nach Brecht, nur zu kratzen braucht, damit unter dem Firnis der Zivilisation die Wildnis zum Vorschein kommt.

 

Anders als Exilschriftsteller wie Leon Feuchtwanger, Heinrich Mann und Alfred Döblin, die in Los Angeles nicht nur dem Alten Europa, sondern ihrem eigenen Ruhm nachtrauerten, hat die 1965 geborene Autorin keinen besonderen Grund, melancholisch zu sein. Die depressive Stimmung, die ihr Buch von der ersten bis zur letzten Seite durchzieht, hat weniger mit Europa oder Amerika zu tun und ist Ausdruck einer traumatischen Enttäuschung oder Versagung, über deren Ursache der Text keine Auskunft gibt. Die Unfähigkeit zu lieben, wird durch den Wunsch, geliebt zu werden, motiviert - und vice versa: Ein lähmendes Doublebind, dem die junge Frau erst entkommt, als sie den Ort ihres selbst gewählten Exils ebenso abrupt wieder verlässt, wie sie elf Jahre zuvor hier gestrandet ist.

 

Damit ist der Inhalt des Bandes umrissen, in dem nichts Weltbewegendes passiert und der trotzdem gerade deshalb einen eigenartigen Sog erzeugt und mit subtiler Erzählkunst für die Abwesenheit einer konventionellen Handlung entschädigt. Ohne es zu wollen, hat Susanne Schädlich das Gegenstück geschrieben zu Pazifik Exil von Michael Lentz, einem mit Geschichte und Politik gesättigten, mit klangvollen Namen gespickten Roman. Dagegen spielt ihr Buch an gesichts- und gesichtslosen Orten, unter einsamen Trinkern namens E., O. oder L. an den Tresen schäbiger Bars, deren düstere Atmosphäre mehr an Gemälde von Edward Hopper erinnert als an Gedichte von Brecht.

 

Es ist der Weltschmerz des jungen Werther, nicht Dürers nachtschwarze Melancholie, die in diesem schönen Werk zum Ausdruck kommt. Will sagen: Die durch Liebesleid gereifte Erkenntnis, dass jedes Glücksversprechen eine Illusion und die Welt ein Kerker der Seele ist. "Arme Seele Mensch, was kannst du dafür, dass du nicht fliegen kannst. An den Boden geheftet, der durch die Weite führt. Kannst dicht nicht erheben. Ich sagte zu ihm, du gleitest auch nur zwanglos über Asphalt, legst Wert auf Natur und siehst sie doch nur durchs offene Fenster."