Rezension zu "Wolfgang Hilbig - eine motivische Biografie" in Neues Deutschland, Von Hans-Dieter Schütt
Der Leipziger Lyriker Thomas Böhme schrieb zum Tode von Wolfgang Hilbig: »Die Finsternis/ hat ihre zärtlichste Stimme verloren.« Diese Finsternis, was war das? Das Bergbauschwarz der Meuselwitzer Kohlegegend? Das Schachtloch mit der ausglühenden Asche, in das eines Tages die Transportpferde stürzten und kreischend verbrannten? Das verrußte Kesselhaus, in dem der Heizer Hilbig nachts zwischen den Befeuerungspflichten las und schrieb?
Die Finsternis, das ist die Unfähigkeit zu leben. Es ist der Taumel in Kopf und Gemüt, der entsteht, wenn man meint, in allen Zeiten gleichzeitig zu existieren, in allen Diktaturen, in all jenen Schändlichkeiten aus Spitzeltum und Anpassung, die von System zu System wachsen. Die Finsternis, das ist der Gruß der Untoten, die in unseren Illusionen, das Vergangene aller Unwelten los zu sein, doch unablässig weitergeistern: »Einmal versank mein Fuß in einer breiigen Brühe, als ich ausweichen wollte, waren noch mehr solche Lachen, die zu gerinnen schienen ... Fleisch tickte unter mir.«
Die Finsternis, das ist ein Leben, in dem das Am-Leben-Bleiben nur eine Angewohnheit unter vielen wird, und wo es das Schwerste ist, sich in die Stimmgabel des Seins einzuschwingen und seinen eigenen Ton zu erwischen. So kam, wie eine Menschenrettung, das Schweigen in die Welt. Auch Hilbigs Schweigen. Was soll ein Arbeiter groß reden, er hat Hände, die er ballen, mit denen er boxen kann. Und Schweigen, das klingt jetzt schon wie Schreiben. Und gegen die Finsternis, diese erlittene Voraussetzung für Schweigen am Tage und für Schweigen und Schreiben in der Nacht, kommt nun jener weiße Deckenlampenschein ins Bild, und zwar ins Titelbild der ersten beschreibenden Annäherung an Wolfgang Hilbig. Heller Schein gegen finsteres Sein.
»Eine motivische Biografie« nennt Karen Lohse - etwas spröde und gestelzt - ihr lesenswertes Buch, und auf besagtem Titelbild also: der gleißende Lampenschein, aufsteigender Zigarettenqualm, der Dichter lesend, die Augen im Dunkel, eine Gesichtshälfte völlig ins Schwarz getaucht. Das Stillleben, wie in einem seiner Gedichte beschrieben: »Ferne Versammlung bleicher Gedanken/ die noch schweigen«. Da weiß ein Mensch sich »vom Grenzenlosen eingeschneit«.
Karen Lohses Buch folgt den Lebensstationen Hilbigs (Meuselwitz und Leipzig, 1941 bis 1985; Der Westen, 1985 bis 2007), und wenn sie nicht ins germanistische Vokabular verfällt (zum Glück selten!), sondern Sprache jenseits von »textuell« oder »Verortung« findet, dann gerät der Text zur spannenden Verbindung von äußerer Biografie und innerer Autobiografie, gemäß der früh gesetzten These des Buches: »Die Chronologie von Hilbigs Schreiben war nicht die seines Lebens.« Entlang der biografischen Abfolge wandernd, sucht Lohse immer wieder jenen Bruch, den Literatur besorgt: die Aufhebung des zufällig Linearen, das man Lebens Lauf nennt, in der fiktionalen Steigerung - einer existenziellen Leidenschaft, die just ihre Unerfüllbarkeit zum Programm erhebt. Hilbig, der Geächtete, der tagsüber Stumme, Ungelenke, Beschädigte, Stockende, der Heizer, Montagearbeiter, Wärmetechniker und autodidaktische Romantiker - Franz Fühmann nennt ihn »ein großes Kind, das mit Meeren spielt, ein Trunkener, der Arm in Arm mit Rimbaud und Novalis aus dem Kesselhaus durch die Tagebauwüsten in ein Auenholz zieht« (Lohse vermutet neben Fühmanns Wertschätzung auch dessen Fehlurteil, Hilbig sei ein »aus dem Unbewussten schöpfender Naivling«). Er hat in einer meisterlichen, faszinierend farbigen Prosa die Fäden des Alltäglichen zum Spinnennetz ganz aus Unheimlichkeit verwoben.
Im Roman »Eine Übertragung« werden Verhaftungen und Entlassungen des Ich-Erzählers aus der Haft (angebliches Verbrennen von 1.-Mai-Fahnen) zu einer geheimnisvollen, angstträchtigen Auflösung aller Gewissheiten. Leiden an der Realität heißt: Erkenntnis, Wahrheit über sie produzieren. Im Roman »Ich« wird gleichsam das ekelhafte (und wohl deshalb so pervers verführerisch lockende) Observations-Universum der Stasi zu einem Gleichnis für den immerwährenden Wucher des Teuflischen, der jeder Sinnsuche beigemischt bleibt.
Das Buch enthält berührende Gespräche. Thomas Böhme bewundert Hilbigs »Fähigkeit, die schmutzigste Landschaft mit Worten zu beschreiben, die wahre Schönheit ausstrahlen ... Er hatte den Mythos vom schreibenden Arbeiter ebenso durchschaut wie den vom Leseland DDR und wusste, dass Schreiben eine Form der Absonderung war, die man um so weniger verzieh, je originärer die Texte waren«.
Lektor Volker Hanisch beschreibt den Hass Hilbigs auf die Arbeitswelt in der DDR, »andererseits hatte sie eine stabilisierende Funktion für sein Leben. Die Arbeit band ihn, wenn auch widerwärtig, in diese Gesellschaft ein. Ab dem Zeitpunkt, als er nur noch schrieb, litt Hilbig beständig unter der Angst, nicht mehr schreiben zu können. Er fing an, die Abgabetermine für seine Bücher zu überziehen, manchmal bis zu zwei Jahren.« Lyriker Thomas Rosenlöcher: »Die Ironie der Geschichte ist, dass hier ein Arbeiter in einem Land zum Dichter wurde, das sich gerade von Arbeiter-Dichtern Legitimation erhoffte. Und dass dieser Arbeiter-Dichter dieses Land dann als Hölle beschrieb.«
Georg Klein (er hielt die Laudatio, als Hilbig den Büchner-Preis erhielt) beschreibt den unglücklichen Alkoholiker, die Tortur, die Hilbig beim Vorlesen eigener Texte durchmachte, er schreibt über den Schrecken, den der Dichter empfand, wenn man ihm die überragende Qualität seiner Literatur bewusst machte - da überkam diesen Menschen der totalen »Verbunkerung« das Grauen, seine Identität könne angesichts der eigenen Größe gesprengt werden.
Natascha Wodin, die acht Jahre mit ihm verheiratet war, nennt Hilbig einen »gespaltenen Menschen«, der an »Selbsthass und Selbstzerstörungswut« litt. »Vielleicht hat dieser Teil in ihm letztlich gesiegt. Aber vielleicht hat er zuletzt doch noch Erlösung gefunden. Ich möchte das sehr gern glauben.«
Heute vor einem Jahr starb Wolfgang Hilbig im Alter von fünfundsechzig Jahren in Berlin. »Ich nehm das sportlich«, hatte er, der Boxer, die Chemotherapie wider den Knochenkrebs kommentiert, von der ihm sogar Ärzte ob der zehrenden Wirkung abgeraten hatten. Sein letztes musikalisches Erlebnis war ein Bob-Dylan-Konzert. Freunde erinnern sich an die hochgereckte rechte Faust, als sei, mitten im Sound, siegend wieder der Arbeiter erwacht. Er liegt auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof begraben.
Die Bücher des großen deutschen Dichters Wolfgang Hilbig werden es schwer haben in einer Zukunft, die seinen Ruhm befestigt. Sie werden es wegen dieses Ruhms schwer haben, der doch nur ein weitergeflüsterter sein kann. Denn: Mit ungemilderten, schonungslosen Offenbarungen seiner Abgründe geht der Mensch nicht lauthals um. Die Geschichten Hilbigs dringen zum Herzen. Schön, würde mancher sagen, das genau müssen Geschichten tun. Nur, diese Geschichten zerreißen das Herz, das uns die Welt verweigert.
02.06.2008 ND