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Wirkliches wird irreal, Reales unwirklich - Werkausgabe für Wolfgang Hilbig

Rezension zu "Wolfgang Hilbig - eine motivische Biografie" in der Märkischen Allgemeine, Von Karim Saab

POTSDAM - Vor einem Jahr starb Wolfgang Hilbig. Und während man bei anderen teuren Toten immer wieder erleben muss, wie rasch mit ihnen auch ein vielgepriesenes Werk von der Bildfläche verschwindet, deutet sich im Falle des sächsischen Dichters das Gegenteil an.

Band eins der gerade gestarteten und auf sieben Bände angelegten Werkausgabe kann im Kanon der deutschen Literatur mit Sicherheit einen festen Platz beanspruchen. Er versammelt Hilbigs Gedichte. Mehr als ein Drittel davon fand sich nicht in seinem Nachlass, sondern im Aktenmaterial der Staatssicherheit und wird erstmals veröffentlicht. Dabei war Hilbig gar kein politischer, nicht einmal ein moralischer Schriftsteller. Wer seinem inneren Feuer und seinem Talent, von dem er sich bisweilen selbst überwältigt fühlte, am nächsten kommen will, muss zu seinen Gedichten oder seiner Kurzprosa greifen. Nach 1989 wurde Hilbig aus kommerziellen Erwägungen leider von seinem Verlag S. Fischer auf Abwege geschickt. Wie ein begnadeter Kurzstreckenläufer, der plötzlich in einer Langstrecken-Disziplin antreten muss, sollte er nun unbedingt Romane, am besten einen "Wenderoman" schreiben. Mit "Ich" (1993) und "Das Provisorium" (2000) gelangen zwar saisonale Publikumserfolge, doch beide Werke schwächeln schon nach etwa 50 Seiten und werden kurzatmig. Hilbig war eben kein Dramaturg, sondern ein neoromantischer Dichter der Moderne, der wie getrieben aus seiner Wahrnehmung heraus schrieb und fortlaufend den ureigenen biografischen Stoff literarisierte.

Nichts liegt näher, als in "einer biografischen Annäherung" die Nähe zwischen Leben und Werk herauszuarbeiten. Karen Lohse hat die noch frischen Zeitzeugen-Erinnerungen gesichert und erste interessante Schlüsse gezogen. In ihrem Buch geht sie davon aus, dass Wolfgang Hilbig mehrere Leben geführt hat. "Seine äußere Biografie zeigte das Bild eines aus der tiefsten Arbeiterklasse stammenden Mannes, der über zwei Jahrzehnte seines Lebens im Dreck der Industriebetriebe geschuftet hat. Seine innere Autobiografie begann dann, wenn rund um ihn Dunkelheit herrschte. Nachts, wenn die Menschen in seiner Umgebung schliefen, schrieb er."

Es gibt einige Motive, die in Hilbigs Leben und im zupackenden, gedankenschweren Ton seiner Texte immer wiederkehren. Rätselhaft bleibt aber, warum Hilbig überhaupt von frühester Kindheit an Zuflucht im Schreiben suchte. Nachdem sein Vater in Stalingrad gefallen war, wuchs der 1941 Geborene bei seinem Großvater, einem aus Polen stammenden Analphabeten, auf. Seine Mutter arbeitete in einem Dorfkonsum. In der Heimatstadt Meuselwitz, südlich von Leipzig, gab es so gut wie keinen bildungsbürgerlichen Horizont. Meuselwitz war vom Krieg weitgehend zerstört und umgeben von unwirtlichen Braunkohle-Tagebauen. Karen Lohse spricht von einer "postmortalen Landschaft", die auch in Hilbigs Poetik Einzug hielt.

Die Welt der Arbeiter, die Epoche der Industriearbeit und die zum Himmel stinkenden Schlote vergegenwärtigte Hilbig in einer fast körperlichen, bilderstarken Sprache. Hilbig habe Wirkliches so beschrieben, dass es irreal wirkt, und Unwirkliches so, dass es real wirkt.

Von 1983 bis 2007 erhielt er 17 verschiedene Literaturpreise und fünf Jahre vor seinem Tod endlich auch den renommierten Büchner-Preis. Hilbig wirkte in der Öffentlichkeit und bei Interviews zwar oft unbeholfen, beklagte aber wiederholt recht selbstbewusst die Bevorzugung von offiziellen DDR-Schriftstellern wie Volker Braun oder Christa Wolf durch die westdeutsche und amerikanische Germanistik. Man muss Karen Lohse nicht unbedingt folgen, wenn sie behauptet: "Seiner eigenen Größe als Schriftsteller wurde sich Hilbig Zeit seines Lebens nicht bewusst."

04.06.2008 Märkische Allgemeine