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Erkanntes Genie

Rezension der Leipziger Volkszeitung zu "Wolfgang Hilbig - eine motivische Biografie", Von Janina Fleischer

Seine Geburtsstadt Meuselwitz zu beschreiben, das sei ihm nie geglückt, hat Wolfgang Hilbig selbst behauptet. Und es immer wieder versucht. In "Der Nachmittag" zuletzt, veröffentlicht im Erzählband "Der Schlaf der Gerechten". Doch das Innenleben und die Außenwelt - sie kamen nicht zusammen. Nicht in Meuselwitz, Leipzig und Berlin, nicht in Hanau, Edenkoben oder Nürnberg. Im Leben nicht.

Der Raum, in den der Dichter sich rettet, ist die Sprache. Für Hilbig als Mittel, Unwirkliches so zu beschreiben, dass es real wirkt. Den Ängsten, Zeit zu verlieren, ungehört zu bleiben, vereinnahmt zu werden, begegnet er kämpfend, zuletzt allein gegen den Knochenkrebs. Heute vor einem Jahr ist Wolfgang Hilbig gestorben, zum ersten Todestag widmet der Leipziger Plöttner Verlag dem 1941 Geborenen eine "motivische Biografie", die die Autorin Karen Lohse im Haus des Buches vorstellt. Sie promioviert derzeit über das Motiv des Bergwerks in Hilbigs Texten, und so steht Meuselwitz, liegt Heimaterde im Zentrum dieser textanalytischen Annäherung.

Hilbigs Werk ist geprägt von der Arbeitswelt, von Tagebauwunden, vom Schmerz des Verschwindens. "Ein merkwürdig unsentimantales Denken ist in den Köpfen der Leute, die auf Abbruchlandschaften leben", schrieb er. Unverwechselbar war seine Fähigkeit, "die schmutzigste und widerwärtigste Landschaft mit Worten zu beschreiben, die wahre Schönheit ausstahlen", sagt der Schriftsteller Thomas Böhme.

Den Abschnitten über Jugend, Arbeit, Schreiben, Suche und Verzweiflung im Osten sowie Erfolg, Rausch, Enttäuschung im Westen schließen sich Interviews an mit Freunden, Kollegen, Partnerinnen. Diese Stimmen bereichern, von Bewunderung getragen, die nicht durchgängig chronologische Einordnung des Schriftstellers in Zeit, Gesellschaft, Literaturbetrieb. In der Karen Lohse Hilbigs Alkoholsucht viel Raum gibt, auch die psychologieserenden Seiten über "Körper, Frauen, Sexualität - Die große Mutter" stören das darüber hinaus ausgewogene Ineinandergreifen der Motive, Ereignisse, Zwänge. Unmittelbar verschränkt die Autorin biographische Wirklichkeit mit künstlerischer Fiktion, Inhalte mit Strukturen.

Lange wurde der schreibende Arbeiter aus Meuselwitz unterschätzt, dem äußerlich Groben der feinsinnige Dichter nicht zugetraut. Thomas Böhme erinnert sich: "Einerseits gab es den Kumpel, mit dem man beim Bier saß und über alles Mögliche redete, nur nicht über Literatur. Anderseits verfasste er Texte, die einem schier den Atem nahmen."

Zudem widersetzte er sich jedem Schulterschluss, trug nie eine vordergründig dick aufgetragene Opposition zur Schau, erzählt der Litaraturwissenschaftler Pater Geist; "es war eher ein grundlegend gestörtes Weltverhältnis, das ihn umtrieb und in seinen Texten Sprachgewalt erlangte." Hilbig war Autodidakt, der Zirkel schreibender Eisenbahner gewiss nicht seine wichtigste Schule, vielmehr brachte ihn ein Gespür für gute Literatur zu dunklen, mehrdimensionalen Texten, orientiert am Besten.

Der gelernte Bohrwerksdreher und spätere Heizer hat das kleinstädtisch-proletarische Milieu, die engen Grenzen des sozialistischen Freiheitsbegriffs in seinen Büchern verdichtet. "Die Ironie der Geschichte ist ja, dass hier ein Arbeiter in einem Land zum Dichter wurde, das sich gerade von Arbeiter-Dichtern Legitimation erhoffte. Und dass dieser Arbeiter-Dichter dieses Land dann als Hölle beschrieb", sagt Kollege Thomas Rosenlöcher. Ebenso wenig fügte sich HIlbig in die Kommunen Leipziger Subkultur. Er lehnte es ab, von Leitern herab zu lesen oder in illegalen Heften zu veröffentlichen, deren künstlerisches Niveau er für zumindest fragwürdig hielt. Dabei war ihm, der dem Schreiben, dem Ringen um das richtige Wort alles nachordnete, lebensnotwendig, gedruckt zu werden.

Ab 1979 erschienen seine Gedichte und Erzählungen beim S. Fischer Verlag in Frankfurt am Main, dem er bis zum Schluss treu blieb. Mit "Eine Übertragung", seinem ersten Roman, gewann er beim Klagenfurther Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Viele Auszeichnungen folgten, 2002 die renommierteste für deutschsprachige Autoren: der Georg-Büchner-Preis. "Aus dem verkannten Genie wurde ein bekanntes Genie", sagt Natascha Wodin, mit der er von 1994 bis 2002 verheiratet war.

Allein aus dem Schreiben hat Wolfgang Hilbig sein Existenzrecht geschöpft, und er wusste um die Qualität seiner Arbeit. Trotz des Medienrummels blieb er absolut authentisch - bis hin zum Dialekt, den Georg Klein als "um Meuselwitz praktizierte Vokal- und Konsonantenfolter" wahrnahm. Das "Adoptivkind des Literaturbetriebs" blieb Außenseiter. Für Thomas Rosenlöcher gehörte er zu den "Ausnahmeerscheinungen, bei denen man sich vollkommen sicher sein konnte: Was dem auch immer passiert, welchen Erfolg der auch immer haben wird - der bleibt sich immer gleich. Den verdirbt nicht mal der Westen."

Das Geburtshaus in Meuselwitz wurde 2005 abgerissen. Hilbigs letzte Heimat bleibt die Literatur - sie steht allen offen.

02.06.2008 LVZ

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