Rezension zu "Die Nachhut" von Hans Waal in der Schweriner Volkszeitung am 06. September 2008
von Holger Kankel
"Russen. Mindestens zehn von ihnen tauchen gleichzeitig hinter einer Ecke auf. Ihre typisch kahl geschorenen Schädel schimmern bläulich? Sie tragen kurze, glänzende Jacken ohne Kragen, dazu hohe Schnürstiefel und blaue Baumwollhosen, bis unters Knie hinauf gekrempelt. Nie zuvor habe ich eine seltsamere Mischung von Uniformteilen gesehen. Auch ihre Bewaffnung paßt überhaupt nicht zu dem, was wir von Russen erwarten dürfen. Statt Kalaschnikow haben zwei von ihnen lediglich eine Art Keule dabei? Wie schlecht muß es der Rotarmee gehen, daß sie ihre Soldaten inzwischen mit Holzknüppeln gegen uns schickt?"
Wenn Hans Waal vor Publikum aus seinem Roman "Die Nachhut" liest, schlucken die Leute erstmal und trauen sich nicht sofort, zu lachen. Über Nazis, alte und neue, lacht man irgendwie nicht.
Doch genau das war die Absicht des Berliner Journalisten, der unter seinem richtigen Namen für den "Stern" schreibt: sich dem brisantesten Thema deutscher Geschichte einmal etwas unverkrampfter zu nähern. Nicht unbedingt ein Tabubruch. Bereits George Tabori oder Günter Grass haben sich in Theaterstücken und Romanen der NS-Zeit mit satirischen und grotesken Mitteln genähert. Wie auch Waal in seinem komischen und zugleich nachdenklichen Debütroman, in dem vier uralte, schwer bewaffnete SS-Männer nach 60 Jahren unter der Erde aus ihrem geheimen Bunker bei Wittstock gekrochen kommen und sich noch immer im Krieg wähnen. Wie sie auf das neue Deutschland reagieren und wie die neuen Deutschen - Politiker, Neonazis, TV-Leute, Enkel - auf sie, das ergibt eine köstliche Lektüre, bei der man zwischen lauten und erstickten Lachern hin- und hergerissen ist.
"Rechts und links der Straßen zeugen etliche Holzkreuze vom erbitterten Kampf um jeden Meter Heimat. Manche sind mit frischen Blumen, andere mit verwelkten Kränzen oder nassen Teddybären geschmückt. Oft hat man Namen und Daten ins Holz geschnitzt: Vor allem junge Männer leisten immer noch tapfer ihren Blutzoll, die meisten kaum 20 Jahre alt."
Alte Nazis, die aus der Erde kriechen? Man ist geneigt, sofort an das berühmte Brecht-Zitat zu denken: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch." Für Hans Waal führten mehrere Beobachtungen zu dem Entschluss, ein solches Buch zu schreiben. Eine zeitlang lebte er in Brandenburg, und auch als Redakteur, der in der Neonazi-Szene recherchiert, ist ihm das Phänomen rechtsgerichteter Jugendlicher nicht fremd. Zudem fand er es befremdlich, mit welch großem Interesse und seltsamem Grusel Fernsehzuschauer die Filme Guido Knopps über Hitlers Schäferhunde verfolgten. Und in den 80er-Jahren gab es tatsächlich Berichte über japanische Soldaten, die auf kleinen Pazifikinseln den Frieden verschlafen hatten. "So rüttelte sich alles zusammen", sagt Waal.
"Die Jungen seien allesamt im Westen?als hätte man den deutschen Osten schon komplett aufgegeben?Offenbar fliehen die Menschen nicht mehr nur vorübergehend vor Russengreuel und Hunger. Ganze Landstriche von Vorpommern bis nach Mitteldeutschland hinein sollen weitgehend entvölkert sein."
Doch Waal erzählt in seiner politischen Satire, deren zweite Auflage gerade gedruckt wird, nicht nur von der kruden Wahrnehmung Deutschlands durch die Altnazis, sondern er stattet seine Figuren zugleich mit sehr unterschiedlichen Ansichten über alte und neue Nazis aus und konfrontiert den Leser mit einer ganzen Bandbreite von Strategien - von Totschweigen über radikales Bekämpfen bis zu gelassenem Reagieren.
"...dass ich Nazis auch noch nie leiden konnte, junge, alte, scheißegal? dass man keine Angst mehr vor ihnen haben muss. Vor den vier Alten nicht, und vor den Jungen erst recht nicht. Nie wieder würde so etwas Mode oder gar Mainstream werden. Dafür waren allein ihre Outfits zu blöd, ihre Mädchen zu hässlich und ihre Musik zu scheiße. Im Grunde waren Nazis heutzutage vor allem ein ästhetisches Problem?"
Auch Waal selbst, der ein Verbot der NPD ablehnt, hegt nicht die Befürchtung, dass Nazis jemals wieder zu einer politischen Dauergefahr werden könnten oder gar ein 4. Reich drohe. Was aber nicht ausschließe, dass andere, noch unbekannte Gefahren auf uns zukommen könnten, für die dann Enkel und Urenkel die heutige Generation der Eltern verantwortlich machen werden.