Rezension zu "Die Nachhut" von Hans Waal in der Mitteldeutschen Zeitung am 12. Juli 2008
Von Peter Godozgar
Was für eine Vorstellung: Am Autobahndreieck Wittstock-Dosse kriechen nachts vier alte Männer ans Tageslicht. Gerade ist ihnen unter Tage der letzte Büchsenöffner abgebrochen - also bleibt nur noch die Flucht nach vorn: nach sechs Jahrzehnten im Bunker! So macht sich ein tatteriges Quartett auf den Weg nach Berlin - in die Reichshauptstadt. Wenn das mal kein Ärger macht.
Macht´s natürlich. Die Medienmeute wittert die ganz große Nazi-Story und die Politik fürchtet den ganz großen Skandal. Ersonnen hat das Szenario Hans Waal; der Name ist ein Pseudonym, hinter dem sich der Stern-Reporter Holger Witzel verbirgt. Aus drei Perspektiven erzählt er seine groteske Geschichte über "Die Nachhut", die ja, was eingentlich ist: satirischer Thriller? Ironische Vergangenheitsbewältigung? Gesellschaftskritische Farce? Tragikomischer West-Ost-Roman?
Tatsächlich gelingt Waal ein Kunststück: Hochkritisch sind die Szenen, in denen die Alt-Nazis aufs neue Deutschland treffen und versuchen, es mit ihren Vorstellungen anzugleichen - denn das neue Deutschland, das befindet sich für die alten Kämpfer immer noch im Krieg. Der Bombenhagel über dem Bunker hörte ja all die Jahre nie auf, denn dort war in Friedenszeiten ein Truppenübungsplatz.
So stolpert der Trupp durch brandenburgische Baumarkt- und Tankstellen-Tristesse und gerät in Jung-Nazi Veranstaltungen. Bevor es zu platt wird, zieht Waal indes stets die Reißleine - und so wird sein Buch fast nebenbei auch zur klugen Reflexion des gesamtdeutschen Umgangs mit Geschichte, deren lange Arme natürlich auch die handelnden Personen immer mal wieder betatschen.
Mitteldeutsche Zeitung 12. Juli 2008