5,8 Menschen

5,8 Menschen oder: Höchste Zeit, einen Leipziger Autor zu entdecken

Nichts gegen den Notschriften-Verlag in Radebeul. Was dort erscheint, sind keine Schriften, die es nötig haben. Das Programm ist das eines anspruchsvollen Regionalverlages. Und die Belletristik, die hier erscheint, hat Substanz. Auch wenn einer der Autoren jetzt von Radebeul nach Leipzig wechselte: Sebastian Ringel.

In persona ist er schon längst da. Neugierige Leipziger kennen den 1976 in Großröhrsdorf Geborenen als Stadtteilführer der Agentur Evendito, die ihre Gäste eben nicht zu den üblichen Schmuckstücken wie Völkerschlachtkuchen oder Schumanns Lieblingskneipe Coffe Baum führen, sondern mit ihnen die lebendigen Stadtteile abseits der Prachtstraßen besuchen - Connewitz, Südvorstadt, Plagwitz und Lindenau ... In Leipzig lebt er seit fast acht Jahren, nachdem er das Leben in der Oberlausitz ausprobiert hat, an der TU Dresden versucht hat, Geschichte zu studieren, und dann doch lieber Ergotherapeut wurde. Denn der Umgang mit mumifizierten Pharaonen oder kopflosen Königen war's dann wohl doch eher nicht.

Schon gar nicht, weil in diesem Burschen ein Erzähltalent schlummerte. Vergangenheitsform. Das muss gesagt werden. Denn seit 2002 ist er auf dem Literaturmarkt mit dem ersten Buch präsent: "Von der Monotonie des yeah, yeah, yeah". Es ist ein "Roadmovie", wie der Verlag schreibt, besagter Notschriften-Verlag. Und ein Bankraub kommt auch schon drin vor.

2004 übernahm der Notschriften-Verlag auch das Buch "Mein Hund der Fisch". Und noch immer wurde das große Feuilleton, das so gern alten Irrtümern hinterherkriecht, nicht munter. Was dann auf diesem Markt, den die großen deutschen Verlagsimperien plattsitzen, die übliche Wirkung hat - nämlich gar keine. Ein kleines bisschen Bekanntheit im näheren Umfeld. Und schon jenseits der Landesgrenze trübes Schweigen: Ringel? Muss man den kennen?

Jawollo. Muss man. Der Bursche ist nicht mehr minderjährig, weiblich auch nicht. Und seine Texte klaut er auch nicht bei anderen, die schon was erlebt haben. Und sein drittes Buch, das er 2009 wieder im Notschriften-Verlag herausbrachte, hätte es zehnmal verdient gehabt, in die Endrunde des Preises der Leipziger Buchmesse zu kommen. Da kann einer erzählen. Der stolpert nicht durch gezirkelte Schachtelsätze. Der verzichtet auf den goetheschen Wortschwulst. Für den sind seine Protagonisten keine Denker und Selbstbetrachter vor dem Herrn. Im Gegenteil - und das zu einem Großteil der deutschen Möchtegernprosa - sie leben.

Diese hier - 5,8 und noch ein paar mehr, wie der Titel verrät - leben in Perth, am Indischen Ozean gelegen, mit 1,6 Millionen Einwohnern eine der größten Städte in Australien. Und Ringel war schon einmal da. Ein Jahr Australien - das nähme sich in so mancher Bewerbung gut aus. Aber er ist augenscheinlich nicht zum Bienchensammeln hingefahren, um vielleicht bei der Deutschen Bank am Beratungsschalter stehen zu dürfen. Er hat sich Land und Leute beschaut. Herausgekommen ist kein Reisebericht, sondern ein Roman, der zeigt, was ein Roman alles kann, wenn der Autor den Mut hat, all den Quark von innerem Dialog und Erzählerstandpunkt und literarischer Sprache zu vergessen. All das, womit deutsche Schulkinder noch immer gequält werden.

Wie gesagt: Der Roman erschien letztes Jahr in Radebeul - und sorgte nicht für ein kleines Hurra. Jetzt hat ihn der Leipziger Plöttner Verlag übernommen und als Paperback herausgegeben. Für alle, die es genießen, wenn einer sich richtig Zeit lässt beim Erzählen. Und Ringel lässt sich Zeit. Seine Helden kennen einander noch gar nicht. Fast die Hälfte des Buches geht "drauf", die fünf wesentlichen Darsteller zu porträtieren. Der Leser bekommt gar nicht erst das Gefühl, dass er sich hier in einem Roman befindet und das Alles, was da erzählt wird über den einsamen Robert mit seinem verkorksten Weltbild, Kenneth, den Arzt, der so gern Schriftsteller wäre, die blinde Schönheit June oder Joe, der das Zuspätkommen zu seinem Markenzeichen gemacht hat, irgendeine Beziehung hat zu dem, was später im Buch geschieht - oder auch nur zu den anderen Lebensgeschichten. Eher fühlt man sich wie in einem der Erzählbände von Raymond Carver, in denen der die Macken, Einsamkeiten und scheiternden Ausbruchsversuche der US-amerikanischen Mittelklasse schildert, die sich nie zu einem Erzählbogen, nie zu einem wie auch immer gearteten Sinn fügen.

So ähnlich geht das auch den Ringel-Helden in Perth. Für Robert ist diese Schleife so beklemmend, dass er an jedem Geburtstag einen Selbstmordversuch unternimmt. Und für Arthur bedeutet diese Schleife den von Entsetzen überschatteten Alltag im Altersheim - bis zu dem Tag, an dem er die Nase voll hat, seinen Beutel schnappt und zur Bank fährt. Was dann der Punkt ist, an dem das Verhängnis seinen Lauf nimmt und von dem ab sich die fünf Schicksale unausweichlich ineinander verknoten. Robert Altman hätte seine Freude an diesem Plott. Denn an diesem Punkt zeigt Ringel auch, dass er sein Handwerk beherrscht. Es ist ein Kleinod der Leselust, ihn den Unfall schildern zu sehen, den Joe baut (der eigentlich Tucker heißt), weil er wieder einmal viel, viel zu spät dran ist und sein Freund Adam mal wieder einen seiner seltsamen Streiche gespielt hat.

Minutiös erzählt er, wie sich lauter kleine Vorfälle zu einem großen Drama verknoten. Mittendrin eine der schönsten Liebesgeschichten. Mit der erdet Ringel seine Handlung und sorgt dafür, dass der Carver-Effekt ausbleibt: Auf einmal ist da etwas Vertrautes, dem auch ein hartgesottener Leser nicht ausweichen kann. Und natürlich ist das genau der Punkt, an dem die Geschichte aus dem Zufall in die Tragik kippt. Um die - und das verlangt dem Leser schon ein bisschen Geduld ab - Ringel einen ganzen Reigen von Perspektivwechseln legt. Ganz so, als schalte er - während einer nicht gar zu hektischen Verfolgungsfahrt - von einer Kamera auf die nächste.

Die letzte Perspektive gönnt er dann jener mysteriösen 0,8 aus dem Titel. Und damit bekommt die Geschichte dann auch noch ein wenig den fernen Widerschein von "Garp". Ein ganz klein bisschen. Ein, zwei Taschentücher sind da ganz nützlich. Aber das Leseerlebnis tröstet: Hier holpert sich mal einer nicht durch die Sprache. Hier kennt einer seine Protagonisten in- und auswendig. Und er weiß auch diese seltsam hilflosen Szenen zu zeigen, in denen Menschen für gewöhnlich versuchen, ihre Halb-, Ganz- oder Beinah-Beziehungen in Gespräche zu fassen. All diese Situationen, in denen das Meiste immer ungesagt bleibt - weil man nicht verletzen will oder eben doch oder weil man den Menschen, den man jetzt partout nicht versteht, trotzdem liebt - oder auch nicht.

Buchhändler, die noch ein bisschen Sinn für einen wirklich klugen und spannend lesbaren deutschen Roman haben, die legen dieses Buch neben die Ladenkasse und raten ratlosen Studenten, Reisenden, Schlaflosen und Teilzeiteltern, das Buch zu lesen.