Eine skurrile Geschichte um die Deutsche Geschichte

Rezension zu "Die Nachhut" von Hans Waal

Uta Köhn, Märkische Allgemeine, 09.04.08

Die Geschichte spielt fast 59 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges und sie beginnt ganz in der Nähe von Wittstock in einem Bunker auf dem Bombodrom. Schon seit vielen, vielen Jahren sind keine Detonationen mehr zu hören. Als der letzte Büchsenöffner abbricht, beschließen die vier Männer der Waffen-SS, die kurz vor Kriegsende Befehl bekamen, auszuharren, den Ausstieg aus dem Bunker, der all die Jahre unentdeckt geblieben war.

Hans Waal hat einen Roman geschrieben, der zum großen Teil in und um Wittstock spielt. In "Die Nachhut" geht er der Frage nach, wie denn ein paar wirkliche Nazis die Welt von heute wahrnehmen würden. Dem Autoren gelang es, eine überaus witzige Geschichte zu konstruieren, die er aus drei Perspektiven erzählt. Da ist Fritz, der Mann von der Waffen-SS, der Jahrzehnte kein Tageslicht gesehen, aber immer Tagebuch geschrieben hat. Dann ist da Monse, Tontechniker-Assistent bei einem Fernsehteam mit dem jüdischen Vornamen Benjamin. Und dann ist da Evelyn die Polizeichefin, spezialisiert auf die Bekämpfung von Neonazis.

So viele kriegen ihr Fett weg in diesem Roman, auch die Freie Heide beim Ostermarsch, über den die Journalisten berichten: "Die Oma reckte ihr knochiges Fäustchen in den Himmel, zitterte vor Wut und wurde immer wieder von ihrer eigenen Stimme überholt, während sie die Tiefflieger verfluchte, die angeblich genau über ihrem kleinen Häuschen noch mal richtig Gas geben."

Als die vier Nazis aussteigen aus ihrem Bunker - schwer bewaffnet natürlich ? nieten sie im Autobahndreieck Wittstock erst einmal einen Bus mit amerikanischen Austauschschülern um. Die Munition, die gefunden wird, lässt beim BKA alle Alarmglocken klingeln. Wenn das jemand rauskriegt, nicht auszudenken! Das Filmteam verirrt sich und muss in dem Dörfchen Gossow übernachten. Dort tauchen am nächsten Morgen auch die Nazis auf und kidnappen den Pfarrer, der tags zuvor auf dem Ostermarsch seine Rede hielt. Das ist die Story für jeden Journalisten. Benjamin erzählt: "Auch ein paar andere alte Leute im Halbkreis nickten wissend und begannen zu tuscheln, manche kicherten sogar. Schließlich hielt es eine Oma mit Kopftuch nicht mehr aus; "SS-Männer, Kindchen", sagte sie. "Waffen-SS - Das waren immer die feschesten." Die klapprigen Vier sehen den Gang zum Pfarrhaus natürlich aus ganz anderer Perspektive. Fritz sagt: "Einer zielte sogar mit einem Rohr auf uns, das er wie eine Panzerfaust auf der Schulter trug. Ein echter Russe hätte uns sicher rücksichtslos weggeputzt, aber der Pfarrer bestreitet überhaupt jede Feindbewegung im Ort. Man stünde nun eher auf Seiten der Amerikaner, so die ersten wirren Informationen zur Front. Kuhn ist sein Name und er behauptet beharrlich, nicht zu wissen, wo in der Nähe ein Kommando der Waffen-SS Quartier bezogen hat."

Moderne Dinge sind den alten Männern, die dem Leser schon fast sympathisch werden, völlig unbekannt. Das Handy beschreibt Fritz als "modernes Feldfunkgerät". Die Windräder, die ganz in der Nähe ihres Bunkers standen, sind Windmühlen zur Abwehr feindlicher Flugzeuge. Die Bushaltestelle wird als "unbesetzter Unterstand, zum Teil aus Glas mit Platz für mindestens zehn Posten" gedeutet. Am Hagebaumarkt "schieben Zivilisten Drahtkörbe auf Rädern hin und her." In Wittstock sehen sie die ersten Wohnhäuser. "Einige sehen so heruntergekommen und kaputt aus, dass sie einzufallen drohen. Dieser verdammte Krieg!" Nach ihrem Auftritt auf dem Marktplatz in Wittstock gabelt das Fernsehteam die Männer auf. Fritz notiert in seinem Tagebuch: "Sie haben uns mit schwarzen Gurten an die Sitze ihrer Autos gefesselt - angeblich Vorschrift, zu unserer eigenen Sicherheit - so ein Unsinn." Oder: "Hartz Vier nennt Inge die jüngste Totalmobilmachung, die angeblich jeder fürchten muss, der sich nicht freiwillig im Westen meldet."

Irgendwann treffen die alten Nazis auch neue "Nazis" - natürlich an einer Tankstelle. Fritz glaubt, es handele sich um Russen. "Ihre kahl geschorenen Schädel schimmern bläulich. Sie tragen kurze glänzende Jacken ohne Kragen, dazu hohe Schnürstiefel. Ihre Bewaffnung passt überhaupt nicht zu dem, was wir von Russen erwarten dürfen. Statt Kalaschnikow haben zwei von ihnen lediglich eine Art Keule dabei. Wie schlecht muss es der Rotarmee gehen, dass sie ihre Soldaten mittlerweile mit Holzknüppeln gegen uns schickt?" Nach einem Zwischenfall an der Tanke zittern die Neonazis. "Wie konnten solche Waschlappen nur so tief in unsere Heimat vordringen?" Verwundert stellen die Alten fest, dass es Deutsche sind. Aber: "Für deutsche Soldaten fehlt ihnen jede Manneszucht. Ich bin mir nicht sicher, ob man sich für solche Überläufer wirklich freuen oder eher für sie schämen soll."

Die alten Männer geraten, schwer bewaffnet wie sie sind, in einen Filmdreh - ausgerechnet ein Kriegsfilm - und schlagen sich schließlich bis Berlin durch. Fritz reflektiert über die neue Zeit und muss schließlich erschüttert erkennen, was seine Partei vor einem halben Jahrhundert angerichtet hat.

Es macht Spaß, die alten Männer bei ihrer Zeitreise in die moderne, friedliche Zeit, die manchmal doch gar nicht so friedlich ist, zu begleiten. Fast mag man sich mit ihnen anfreunden. Der Autor, ein Journalist, der unter seinem richtigen Namen in Berlin arbeitet, kommt im Mai zu einer Lesung nach Wittstock. Der genaue Termin steht noch nicht fest.

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