Rezesion zu "Schneckenparadies" von Jan Kuhlbrodt in der NZZ am Sonntag 18.12.2008
Von Angelika Overath
Einem Essayisten darf alles gleich wichtig sein. Er ist weder einem Plot unterworfen noch wissenschaftlicher Stringenz. Was ihm auffällt, einfällt, was erinnernd wiederkommt, das gilt. Er kann über ein Heftpflaster, «wahrscheinlich Ankerplast», schreiben («Mein Urgrossvater hatte mir früh gezeigt, wie man das Ende des Pflasterbandes markiert, um es auf der Rolle immer wiederzufinden. Man reisst es leicht ein und klebt die Zipfel auf je eine Seite»). Oder er denkt über den 9. November 1989 nach, den Tag, an dem die Berliner Mauer geöffnet wurde und der seltsame Abschied von zwei Staaten begann. Ein Essayist wird immer wieder auch über das Nachdenken selbst nachdenken, über das Entstehen von Gedanken und die Landgewinnungsmassnahmen der Erinnerung. Und er kann dem Mäandern seiner Assoziationen zusehen wie den Endlosschleifen der Schleimspuren nie zu verstehender Expeditionen von Schnecken.
Jan Kuhlbrodt, 1966 in Karl-Marx-Stadt geboren, jener Stadt, die bei der Geburt seiner Mutter Chemnitz hiess, sieht zurück auf Kinderjahre in der DDR. Auf sozialromantische Jugendfreundschaften, Ferienaufbrüche über die tschechische Grenze Richtung Bulgarien, ein Philosophiestudium unter Spontis und Ökos in Frankfurt am Main, wo er "Adorno wie Cannabisrauch" einsog, und schliesslich auf den Neubeginn im Leipziger Literaturinstitut. Zwischen Nikolaikirche und Frankfurter Studentenausschuss fragt ein Ich in der Lebensmitte nach seiner politisch-moralischen Haltung und seinem Verhältnis zur Vergangenheit. Aus erlebten Miniaturen und Reflexionen öffnet sich mentale deutsch-deutsche Alltagsgeschichte als ein Herzflimmern zwischen zwei Staaten und einer Handvoll Ideologien.
Entstanden ist ein melancholischer und selbstkritischer, ja ironischer Text, der sich auf die Suche macht nach Zeitläufen, die so hautnah, so detailreich nur teilbar sind als ein ganz persönliches, essayistisches Buch. Es gibt so viele Welten, wie es Wesen gibt, zitiert Jan Kuhlbrodt den Zoologen und Philosophen Jakob von Uexküll; sein ost-westlicher Zwillingsblick in die Jahre der Wende entdeckt die Tragik und Komik einer entschwundenen Wirklichkeit, die Deutschland auch weiterhin prägt.