Rezesion zu "Schneckenparadies" von Jan Kuhlbrodt in der Leipziger Internet Zeitung, 16.09.2008
Von Ralf Julke
Das Bild ist beeindruckend: Kinder sammeln Gras und Löwenzahn, werfen alles in eine Wanne und setzen dann Schnecken hinein. Eine Art Wannenparadies, aus dem die Schnecken nach Stunden jedes Mal verschwunden sind. Ein starkes Bild für menschliche Versuche, immer wieder künstliche Paradiese zu schaffen. Wie in der DDR. Ein Schneckenparadies.
Es ist das stärkste Bild aus dem neuesten Buch von Jan Kuhlbrodt, 1966 geboren in Karl-Marx-Stadt, Geschäftsführer der in Leipzig herausgegebenen Literaturzeitschrift EDIT. Eine seiner Vorgängerinnen war die 1976 geborene Jana Hensel, die 2002 die Welt erfreute mit ihren "Zonenkindern" und dem Versuch, den Weg der Ostdeutschen in die neue, (wieder-)vereinigte bundesrepublikanische Gesellschaft zu finden. Ein Versuch mit großer medialer Wirkung. Und einem nachhallenden Schulterzucken, das auch diesem x-ten Versuch galt, eine "Generation" und ihre typischen Erfahrungen zu beschreiben. Oder gar zu erfassen.
Das Ganze ist, mit etwas ruhigerem Blick betrachtet, gnadenlos gescheitert. Wie schon die Versuche, die "Babyboomer", die 68er, die Generation Golf, die Generation X und andere Markenartikel als Akteur irgendeiner Geschichte zu fassen. Es rentiert sich trotzdem. Auch wenn es im Falle Jana Hensel die Zweifel weckte, wie kritisch da eigentlich bei EDIT gearbeitet wurde und wird. Und wie viel Attitüde hinter den Schreibversuchen steckt. Nun hat Jan Kuhlbrodt seine Variante des Themas vorgelegt. Auch sein Buch so ein Zwitterwesen, eher Feuilleton als Erinnerung, eher philosophisches Gespräch als Neuentdeckung. Zumindest erfindet er kein neues Label für die um 1965 Geborenen, die 1989/1990 natürlich mitten hinein gerieten in die Umbrüche, mitten im Studium oder gerade fertig mit der Ausbildung, schon fast integriert in die alten Systeme und auf einmal mitten im Strudel der Veränderung. Manchmal sogar mitten in den Plenen, die auf einmal allerorten tagten, Ideen an die Himmel projezierten, kühne Pläne skizzierten und Entscheidungen trafen. Auf einmal eilte die Zeit, klappte ein überlebtes Experiment in sich zusammen, öffneten sich Weiten und alles schien möglich. Unbeschreibbar, wie Kuhlbrodt anmerkt. Man könne Ereignisse der Gegenwart nicht beschreiben. Alles sei zu partikular. Man brauche schon Abstand, um Geschichte aus der Distanz besser erzählen zu können. Er versucht es essayistisch, mal mit einem "Versuch über Thilo", mal mit einem "Versuch über Bernd", jedes Kapitel eine Lebensstation, atmosphärisch aufgeladen, Erinnerungen wie aus dem Fotoalbum gesucht. Bilder, Stimmungen, Gefühle. Annäherungen an zwei Freunde, Thilo und Bernd, die prägend gewesen sein müssen für den Autor, der von Ich und Wir schreibt, Szenen wie Skizzen hintuscht, um dann wieder seine Gedanken schweifen zu lassen und nachzudenken über den Fluss der Zeit, die Rolle von Freunden, den richtigen historischen Moment. Oder den falschen. Das alles ein wenig aufgeladen mit Seiten-Gedanken von Jakob von Uexküll, der nicht nur den Begriff "Umwelt" in die biologische Terminologie einführte, sondern sich auch Gedanken über die Welt machte - oder besser: die Welten. Jedes Lebewesen erzeuge danach "seine eigene Welt". Ein später Nachfolger also von Leibniz und seiner Monade. Auch ein schönes Bild: Jede Schnecke in ihrer eigenen Welt. Gesellschaft als Illusion. So kommt's aber nicht bei Kuhlbrodt. Was schade ist. Es sei denn, der Uexküllsche Gedanke bedingt seine Art des Erschreibens der eigenen Geschichte: die eigene Geschichte erleben aus der Distanz des sinnenden Beobachters. Das Ergebnis hat einen melancholischen Ton. Und erinnert nicht ohne Grund schon 100 Seiten vor der Erwähnung des City-Songs "Am Fenster" genau an diese Sehnsucht. Die eben nicht nur eine Sehnsucht über Mauern und Grenzen ist. Sondern auch eine danach, endlich frei zu leben. Dabei zu sein, wenn da draußen jenseits der Fensterscheibe, das Leben passiert. Ein waschechtes "DDR-Gefühl". Und nicht überraschend geschieht genau das nicht, was der Klappentext verspricht: leichthin erzählte Geschichten aus Kindheit und Jugend.
Darüber täuscht der Ton zuweilen hinweg. Die Melancholie ist allgegenwärtig. Und von Thilo und Bernd erfährt man fast nichts. Auch nichts über den Irrtum, mit dem neun junge Möchtegern-Kommunisten 1982 ihr erstes Stück Freiheit erlebten an der Autobahnauffahrt. So vage und konturlos wie die alten Filme des Vaters (die gar nicht erst angeschaut werden) flimmern die Szenen vorbei. Szenen einer Kindheit in einer konturlosen Karl-Marx-Stadt, Studienzeit in Leipzig, Herbst 1989 und Salzkohlegeruch, Begegnung mit den linken Träumern aus Frankfurt am Main, E-Mails mit seltsamen Botschaften aus England. Auch darin die Sehnsucht anderswohin. Jeder Ort dieser Welt, so scheint es, eine Badewanne für sich. Und die wirkliche Sehnsucht geht immer nach Orten, die irgendwo jenseits des Randes sind.
Die Schnecke, die kein Ziel kennt, nur den Weg geradeaus. Die Schleimspur nur erkennbar aus der Vogelperspektive. "Tunnelblick" warf Hans Blumenberg dem Biologen Uexküll zu seiner Art Welt-Sicht-Erklärung vor. Kuhlbrodt macht den "Tunnelblick" zur Schreibmethode. Nichts stört den emsigen Gang der Schnecke. Republiken vergehen. Orte gewinnen nicht wirklich Kontur. Menschen bleiben Schemen am Rand des Sichtfelds. Und es regt den Autor nicht wirklich auf. Und da stört das "Wir", das er benutzt. Denn von dem Wir wird kein andere sichtbar, kein Gesicht, kein Name, kein Erlebnis. Ein gesichtsloses Wir.Ein Schnecken-Wir.
Leider. Und auch kein wirklicher Blick in die Tiefen der Zeit. Ein Buch voller Scheu, vom Pfad abzuweichen, vielleicht Dinge zu erzählen, die nicht opportun sind, die den gängigen Interpretationen zuwiderlaufen. Und das ist das, was mittlerweile sauer aufstößt: Wie sehr das Thema "Wende" (bei Kuhlbrodt ohne Anführungszeichen) ausgeschrieben wird - ohne den Mut zum Widerspruch, ohne die Lust aufs wirklich Erlebte. Eigentlich gibt es zu viele Schnecken-Romane über diese Zeit. Zu viele Betrachtungen durch die Fensterscheibe. Man wird das dumme Gefühl nicht los: Selbst die dabei waren, haben nichts erlebt. Die Ereignisse sind schon vorweg erklärt, fix und fertig in den Schubladen der Historie. Der große Schlagschatten der medialen Berichterstattung, die schon beim ersten Bildwerden der Ereignisse alles zu historischer Bedeutung aufblies. Vielleicht ist es an der Zeit, die deutsche Vereinigung von ihrem Sockel zu holen und einmal 20 Jahre lang nicht zu behaupten, dass das "historisch" war, was da geschah. Der mediale Größenwahn übertüncht die menschliche Dimension. So wie das mit der RAF in der Selbstinterpretation der alten Bundesrepublik geschehen zu sein scheint. Als hätte es in der BRD nur die RAF gegeben als wahrnehmbare historische Zäsur, wie Kuhlbrodt anmerkt in jenen Skizzen, in denen er ein wenig von den Frankfurter Revolutions-Schnecken-Attüden erzählt. Eine der vielen verpassten Chancen, mit erzählerischer Lust ein gängiges Märchen auseinanderzunehmen. Kann man eigentlich nur sagen: Raus aus der Wanne. Und versuchen, die Welt einmal nicht aus dem Schneckenhaus zu betrachten. Sondern unterm Brennglas, durch die Lupe, mit eigenen Augen. Was dann zumindest der Anfang wäre für wirklich spannenden Feuilletonismus. Jan Kuhlbrodt "Schneckenparadies", Plöttner Verlag., Leipzig 2008, 14,90 Euro