Mehr mit dem Herzen

Rezension in "Freien Presse" zum Roman "Montagsnächte" von Karin Wildenberger

Ein erstaunlicher Debütroman von Karin Wildenberger: "Montagsnächte"

Mitten drin in Leipzig, im Zentrum jener Montagsdemonstrationen und Friedensgebete in der Nikolaikirche, die die Wende in den Hersttagen 1989 auslösten: Karin Wildenberger hat die Romanfiguren ihres Debütromans "Montagsnächte" mit dokumentarischer Sicherheit und offentsichtlich eigenem Erleben den Prüfungen dieses Umbruchs ausgesetzt.

Ania, 18-jährige Studentin, schließt sich in Leipzig dem Kreis der Initiatoren der Friedensgebete an, mehr, als sie politisch motiviert wäre, zieht sie die Liebe hinein in den Strudel der Nächte, die den Demonstrationen in der Leipziger Innenstadt vorausgehen und folgen. Sie hat Bernd wieder getroffen, in den sie sich mit 15 Jahren in ihrem anhaltinischen Heimatdorf verliebt hatte, ein Außensiter damals, der argwöhnisch beobachtet und dann auch von der Stasi überwacht wurde. Aber sie verliert ihn aus den Augen, als er zur Armee muss. Nun 1989 in Leipzig, gehört er, inzwischen Fotograf, zu den Köpfen der Protestbewegung, die sich dem politischen System der DRR entgegenstellen. Diese zunächst rein private Verwicklung des jungen Mädchens zwingt zur Entscheidung. Der persönliche Konflikt ist nicht zu trennen vom gesellschaftlichen Umbruch: Wir wissen, was wir nicht merh wollen, wohin aber soll der Weg führen? Denn Ania fühlt sichgebunden an ihren Freund Tom, der nun auch bei der Armee ist. Und Bernd lebt mit MIriam, der besten Freundin Anias, zusammen. Die Aufrichtigkeit der Proteste auf den Straßen kann das junge Mädchen im Persönlichen nicht schaffen.

Der erstaundlich gute Debütroman Katrin Wildenbergers geht souverän mit diesem Konflikt um. Die spannungsvolle Schilderung der Vorgänge im Hintergrund der Friedensgebete und Demonstrationen, die Zwänge und Ängste, Ratlosigkeiten und Zerwürfnisse ist nahezu reportagenhaft. Insofern ist der Roman auch aufschlussreich. Die Ahnungen, was aus dem Umbruch herauswachsen werde, beschleichen Bernd beizeiten schon, und in ihrem Heimatdorf sieht Ania den Sog der D-Mark voller Sorge. Mehr mit den Herzen als mit den Köpfen wurden grundlegende Veränderungen in Gang gebacht, wo das Eine zerbricht, fügt sich Anderes zusammen. Anias Liebe musste - vorläufig zumindest - mit der Ungewissheit auskommen. Aber die Autorin entlässt den Leser, wenn er das Buch aus der Hand gelegt hat, mit Hoffnung.

Reinhold Lindner, Freie Presse 20./21. März 2008