Nach Lust und Laune
Warum mit der DDR die Buchstadt Leipzig unterging

Nie zuvor gab es in Leipzig so viele Verlage wie heute. Doch der Titel Buchstadt Leipzig stammt schon aus der DDR, als die Hälfte der knapp achtzig Verlage im Land in Leipzig saß, darunter solche mit großen Namen wie Breitkopf & Härtel, Reclam und Kiepenheuer. Aus Leipzig kam die Buchkunst. Der Verlag Edition Leipzig etwa brachte besonders bibliophile Bücher heraus, die auch im Westen verkauft wurden. Die Buchmesse gehörte zur Stadt genauso wie der Börsenverein, die Deutsche Bücherei, die Hochschule für Grafik und Buchkunst, berühmte Druckereien und der Kommissions- und Großbuchhandel. Das alles ist kurz nach dem Untergang der DDR fast vollständig verlorengegangen.

Mario Gäbler verfolgt in seinem Buch "Was von der Buchstadt übrig blieb" das Schicksal der Leipziger Verlage. Die Treuhand spielt naturgemäß eine große Rolle, aber auch die westdeutschen Verlage, die oft den gleichen Namen trugen wie die Verlage in der DDR. Jüngste Beispiele vom Ende Leipziger Verlage sind Reclam, dessen Leipziger Büro 2005 nach Ditzingen bei Stuttgart zog, sowie das Leipziger Büro des Insel-Verlags. Umgekehrt kam der Klett-Verlag mit einigen Abteilungen schon Anfang der neunziger Jahre nach Leipzig. Er beschäftigt dort mehr als hundert Mitarbeiter.

Gäbler ist 1980 geboren und hat die große Zeit der Leipziger Verlage zu DDR-Zeiten selbst nicht erlebt. Seine Geschichte zeigt eindringlich die wenigen Erfolge und vielen Verirrungen im Zuge der deutschen Einheit. Manchmal geht er derart ins Detail, dass der Leser kaum folgen mag, zumal Gäbler in trockene Prosa verfällt. Eines aber ist klar: Dass die Verlage die DDR zumeist nur kurze Zeit überlebten, lag nicht an der Treuhand und nicht an Verschwörungen. Das Problem war vielmehr bereits mit der Geburtsstunde der DDR entstanden.

Als die alteingesessenen Verleger enteignet und vertrieben wurden, kam es zu den vielen Parallelverlagen in der DDR und der Bundesrepublik. Die Gründung von Edition Leipzig 1960 ging sogar auf einen Beschluss des Zentralkomitees der SED zurück, weil die DDR dringend Devisen brauchte. Hinzu kam, dass die DDR-Verlage mit Hingabe ihre Bücher produzieren konnten, aufgehalten bestenfalls durch Zensur und Papiermangel, nicht aber von Marktgesetzen. Ein Verleger wie Hans Marquardt, der über Jahrzehnte die Geschicke von Reclam Leipzig bestimmte, machte im Grunde, was er wollte. Gekauft wurde fast alles. So entstand die Chimäre vom Leseland DDR.

Als dann schließlich mit dem Ende der DDR nicht mehr zwischen den Zeilen gelesen werden musste, weil eine kritische Presse entstand, und nun auch die Werke in den Buchhandlungen auslagen, nach denen verlangt wurde, war es um die DDR-Verlage geschehen. Der Leipziger Buchwelt blieb mit dem Ende der DDR keine Chance. Der Verlust hält sich in Grenzen - sieht man einmal ab vom traurigen Zustand der einstigen Verlagssitze, die in Gäblers Buch abgebildet sind.

(Frank Pergande, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.12.2010)