André Hille: Erzähl mir vom Land der Birken

Aus Leipziger Sicht ist Leipzig zuweilen recht deprimierend, provinziell und kleinkariert. Aus der Ferne soll's ganz gut aussehen. Und wer aus Marburg herüberschaut, der sieht es im Osten leuchten. Gleich neben Berlin, sagt jedenfalls André Hille. Marburg, Leipzig, Schlesien
Den 32jährigen verschlug es im letzten Winter an die Pleiße, besser noch nach Lindenau. Was keine so gute Wahl war für einen, dessen Lebensinhalt eigentlich das Schreiben ist. Als der in der Altmark Aufgewachsene dereinst nach Marburg ging, sollte eigentlich der Gerichtsaal seine Welt werden. "Aber zuletzt straubte sich alles in mir", sagt André. "Es ging nicht. Ich bin dann gewechselt zu Literatur und Medienwissenschaften." Mit dem Magister in der Tasche hat er an seinem ersten Roman gearbeitet und für Marburgs Zeitungen die Marburger Kulturwelt erkundet. "Irgendwann aber hab ich mir gesagt: Das kann's jetzt nicht gewesen sein. Für immer in Marburg bleiben? Nein. Einmal im Leben wollte ich mir die Stadt selbst aussuchen, in der ich lebe." Die Entscheidung fiel, als seine Frau eine Anstellung in der sächsischen Messestadt bekam, als Rechtsanwältin. Die Kulturstiftung des Freistaats spendierte ein Stipendium und aus dem frischeroberten Leipzig verschlug es André gleich ins herrliche Schlesien. Aus zwei aufregenden Schlesien Monaten wurde ein Buch. Und das ist jetzt frisch gepresst im Handel: "Erzähl mir vom Land der Birken, eine Reiseerzählung". Es ist so neu, dass es der Autor selbst noch skeptisch in der Hand wiegt: "Wer liest denn heute noch Reiseerzählungen", fragt er. Wenn der Leipziger Hauptbahnhof darin vorkommt, werden's schon ein paar Leute tun. Heute wohnt André übrigens in der Südvorstadt, arbeitet als freier Kulturredakteur und hat den Stoff für die nächsten ein, zwei Bücher in der Schublade. Er findet Leipzig ganz akzeptabel. Zum Glück ist nicht alles provinziell.

Ralf Julke, Blitz Leipzig, NOV/ DEZ 2006